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„Very british“ mit Europa im Herzen (erstellt am 24.06.2016 von Anne Bolsmann -Der Westen)

Gelsenkirchen. Der Engländer Philip Ralph lebt seit 29 Jahren in Gelsenkirchen. Gerne hätte er gegen den „Brexit“ gestimmt, aber als Auswanderer durfte er nicht mitwählen.

Sie haben es getan: Die Briten haben sich in der Volksabstimmung zum Austritt aus der Europäischen Union mit knapper Mehrheit für den Ausstieg entschieden. „Für unser Land ist das eine echte Katastrophe“, sagt Philip Ralph (61), der als Engländer seit 29 Jahren in Gelsenkirchen wohnt.

Überrascht hat ihn das Abstimmungsergebnis jedoch nicht: „Dieser Trend hin zur Mehrheit für die EU-Gegner hat sich ja in den vergangenen Wochen immer stärker abgezeichnet.“

Während wir den Wahl-Gelsenkirchener in seiner Wohnung an der Rheinelbestraße besuchen, läuft im Hintergrund eine BBC-Nachrichtensendung auf dem Laptop. Das Sofa ist geschmückt mit Kissen, die englische Doppeldecker-Busse und Flaggen zeigen. Auch an den Wänden ist nicht zu übersehen, dass dieser Haushalt eine englisch-deutsche Mischung ist. Philip Ralph ist seiner früheren Heimat über diverse Medienkanäle nach wie vor eng verbunden.

Viel und leidenschaftlich diskutiert

In seiner Brust scheinen gleich zwei Herzen zu schlagen: Eines für Gelsenkirchen, wo er seit seiner Hochzeit mit seiner deutschen Frau Helene lebt, und eines für seine alte Heimat, wo er die andere Hälfte seines Lebens verbracht hat. Philip Ralphs Heimatstadt Crawley liegt rund 30 Kilometer südlich von London, seine acht Geschwister leben weiterhin in England.

Der Brexit ist ein Votum mit weit reichenden Folgen. Für die Briten, aber auch für alle anderen Europäer wird sich so einiges ändern.

„Wir haben im Vorfeld der Brexit-Entscheidung viel und leidenschaftlich diskutiert – unter anderem über Facebook. S ogar meine eigene Familie ist in dieser Frage sehr gespalten. Die Hälfte hat für den Ausstieg gestimmt, die andere Hälfte dagegen“, sagt der Auswanderer. Philip Ralph durfte übrigens nicht mit abstimmen: „Dafür lebe ich schon zu lange hier. Wählen durften nur jene Briten, die nicht länger als 15 Jahre außerhalb von Großbritannien leben“, erklärt der 61-Jährige, der sich ärgert: „Die meisten Briten, die für den Ausstieg aus der EU gestimmt haben, stören sich an Dingen, die gar nicht von Brüssel, sondern von Westminster aus bestimmt werden.“

Britischen Maßeinheiten beim Kochen

Nun hofft seine Familie, dass sich für das Zusammenleben in Gelsenkirchen nichts ändern wird. „Ich habe zwar noch die britische Staatsbürgerschaft, aber seit mehreren Jahren eine unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland. Daran wird sich wahrscheinlich auch nichts ändern, wenn ich in ein paar Jahren plötzlich kein EU-Bürger mehr bin“, vermutet Philip Ralph, der in England als Technischer Angestellter arbeitete, in Gelsenkirchen dann zunächst als Kartograph und später als Softwareentwickler tätig war.

Und auch wenn er inzwischen perfekt Deutsch spricht, ist Mr. Ralph in manchen Momenten noch „very british“: „Wenn ich koche, verwende ich natürlich die britischen Maßeinheiten, die im Rezept stehen“, sagt er lachend. Den Brexit-Fans würde das sehr gefallen.

Anne Bolsmann